Interview mit Eintracht Sportvorstand Fredi Bobic

Wo Geld ist, kommt Geld hinzu

Fredi Bobic nimmt man seit 1994 als eine vielseitig mannigschichtig schillernde Figur des internationalen Fußballes wahr.  Seit dem 1. Juni 2016 bekleidet er den Vorstandsposten Sport bei Eintracht Frankfurt.

Nach einer fulminanten Hinrunde und einem länger in Besitz genommenen dritten Platz krebst die Eintracht seit dem 5. Februar des Jahres in der Rückrunde sieglos herum. Von den insgesamt zehn Matches gewann sie zwei, spielte zwei Mal Unentschieden und verlor sechs der Begegnungen. Sie schoss dabei lediglich vier Tore, kassierte dafür aber 13. Mit nur 26 erzielten Toren der laufenden Saison lässt die SGE Torschützen á la Fredi Bobic schmerzlich vermissen. Allerdings ist er als Sportvorstand für den Kader zuständig.

Quelle: DFB

Auf Grund seiner langjährigen, verästelten internationalen Soccer Tätigkeit befragten wir ihn zu den wirtschaftlichen, finanziellen Hintergründen des aktuellen Welt Fußballs. Wir wollten von ihm erfahren, wie der neue Rahmen dieses mittlerweile zigfachen Milliardengeschäftes aussähe. Denn am Fußball kommt man momentan global, weder als Unterhaltung- noch als Wirtschaftsfaktor, schlichtweg nicht vorbei. Das Online-Portal Statista belegt, dass weltweit die Fußballfans mit 1,6 Milliarden die größte Gruppe aller Sportfans vor Basketball und deutlich vor American Football, bilden.

Quelle: Bild.de

1 – Herr Bobic, den einen geht beim Fußball das Herz auf, wie Ihnen. Andere erinnern sich an historische Zeiten, wie an das Römische Reich. Um die Massen abzulenken gaben ihnen die Herrschenden Brot und Spiele. Die Großfinanziers und Wirtschaftsmächtigen sehen Fußball als Ware, mit der Geld verdient werden kann. Wie sehen Sie als Eintracht Sportvorstand heute die Rolle des Fußballs?

Fredi Bobic: Der Fußball hat in weiten Teilen der Welt eine enorme Bedeutung, weit über den eigentlichen Sport hinaus, teilweise ganz ehrlich sogar zu weit. Denn es ist immer noch ein Sport. Aber der Sport, der die Gesellschaft ein wenig verändert hat, der die Herzen berührt. Wir Verantwortliche im Fußball und auch die Spieler müssen sich der Bedeutung und der Verantwortung, die daraus erwächst, bewusst sein.

2 – Es gibt immer noch sehr viele, die an die „gute Rolle“ des Fußballs als Mittler glauben. Ist es nicht an der Zeit, Fußball als das zu sehen, was es ist – ein knallhartes Business?

Fredi Bobic: Natürlich ist Profifußball knallhartes Business. Aber dennoch unterscheidet es sich von anderen Wirtschaftsbereichen, etwa dem Bankensektor oder dem industriellen Bereich. Dabei sind die Unterschiede sehr vielfältig. Zum einen ist bei uns alles öffentlich. Jeder kann mitreden oder glaubt das zumindest. Wir leben wahrlich in einer gläsernen Welt. Das macht viele Schritte und Entscheidungen noch schwieriger, macht andererseits aber auch die Emotionalität verständlich. Andererseits können wir eigentlich Langzeitplanungen völlig unterlassen, weil sich alles am aktuellen Erfolg misst. Kurzum: Fußball ist irgendwie doch mehr als ein normales Business.

3 – Wenn man sieht, dass die Bigones – big ones-  und die Extriches – die extrem Reichen – dieser Welt sich des Fußballs angenommen haben, indem sie sich Clubs als Spielzeug „gönnen“, muss man sich eigentlich wundern, dass die Fans nicht längst wirklich auf die Barrikaden gegangen sind. In Manchester hat man nach der Übernahme von ManU durch die Glazers einen eigenen Club gegründet, der heute in der Dritten Liga spielt. In Deutschland sind die Rufe nach Vernunft bislang bis auf Hannover und Leipzig ausgeblieben. Befürchten Sie, dass die Fans der Bundesliga eines Tages auf die Barrikaden gehen, weil sie nicht gehört werden? Welche Erwartungen haben sie an ihre eigenen Fans?

Fredi Bobic: Ich kann mit der nostalgischen Denkweise nicht so viel anfangen. Die ganze Welt entwickelt sich, nur der Fußball soll in seiner Ursprungsform erhalten bleiben? Das funktioniert nicht. Wir Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt wissen, dass wir bei unseren Entscheidungen und Modernisierungsmaßnahmen nie die Tradition des Vereins außer Acht lassen dürfen. Wir müssen unsere Fans mitnehmen, erwarten von diesen aber auch Verständnis, dass wir etwas bewegen wollen, um Schritt halten zu können.

4 – Investieren deswegen so viele Amerikaner in der Premier League, weil dort der beste Fußball gespielt wird oder weil dort die TV-Gelder sehr üppig fließen? Hat Deutschland in dieser Beziehung etwas falsch gemacht mit der Aufrechterhaltung der 50+1 Regel? Werden deutsche Fußballclubs in absehbarer Zeit voll zu Kapitalgesellschaften?

Fredi Bobic: Also mit dem besten Fußball hat das mit Sicherheit nichts zu tun. Wo Geld ist, kommt Geld hinzu. So einfach ist die Sache. Das kennen wir doch aus vielen Situationen. In Deutschland haben wir uns langsamer entwickelt, öffnen uns nun aber auch. 50+1 wird fallen, das ist klar. Dennoch heißt das aber nicht, dass dann alle Schleusen offen sind. Wir werden Strukturen schaffen, die die Werte des deutschen Fußballs bewahren.

5 – Was meinen Sie, warum hat bis dato Borussia Dortmund keinen Nachahmer für den Gang an die Börse zur Aufnahme von Eigenkapital gefunden?

Fredi Bobic: Die Antwort ist relativ einfach: weil es in ganz Europa eigentlich keine börsennotierte Erfolgsstory im Profifußball gibt. Ich wäre auch nicht gerade happy, wenn ich ein großes Aktienpaket vom BVB halten würde.

6 – Stimmen Sie der Aussage zu, dass der nächste große Schub für den Weltfußball durch die Kommerzialisierung des Fußballs in den USA kommen wird. Wann wird die MLS mächtiger und stärker sein als die Top-Ligen in Europa?

Fredi Bobic: Die Kommerzialisierung schreitet voran. Ob nun die USA oder China als erstes den Anschluss schaffen, werden wir sehen.

7 – Welche Rolle werden die Fußball-verrückten Chinesen sowie Inder in Zukunft spielen?

Fredi Bobic: Die Frage ist, ob sie einen langen Atem haben und auch ihre Unterstützung halten, wenn sich der Erfolg nicht zügig einstellt. Oft verlieren Investoren, die keinen echten Bezug zum Sport haben, dann schnell ihre Begeisterung.

8 – Wird die Eintracht in absehbarer Zeit Kooperationen, Patenschaften oder Lizenzvereinbarungen mit Clubs in anderen Ländern wie zum Beispiel in den USA, und auf den Kontinenten Afrika und Asien, aufbauen?

Die Eintracht ist dabei, sich international gut zu justieren. Denn nur das schafft eine Basis zum kontinuierlichen Erfolg. Welche Schritte wir dabei exakt gehen, möchte ich im Moment noch nicht öffentlich machen.

9 – In diesem Kontext: Ist das, was zum Beispiel rund um Red Bull geschieht, nicht der „Tod des Wettbewerbs“, weil im Prinzip unter Einhaltung der Regeln Spieler zwischen Salzburg, Leipzig und New York hin- und hergeschoben werden können?

Fredi Bobic: RB Leipzig und die in den Vereinen Verantwortlichen unternehmen nichts, was nicht den Verbandsregeln entspricht. Von daher ist es nichts Verbotenes und schon gar nichts Tödliches.

10 – Erfüllen die Spieler im heutigen Fußball noch Ihre Vorbildfunktion?

Fredi Bobic: Das kann man so einheitlich nicht beantworten. Wir halten unsere Spieler jedoch an, ihrer Rolle bewusst zu sein und entsprechend zu leben. Aber was ist heute nicht alles ein Vorbild…

11 – Und zum Schluß eine Gretchenfrage, denn sie verhandeln mit den Spektanten. Sind die meisten Spieler nicht einfach überbezahlt? Schließlich spielen sie ja „nur“ Fußball.

Fredi Bobic: Eine populistische Frage. Wäre das Geld nicht im Markt, könnte es nicht verteilt und damit von den Spielern verlangt oder verdient werden.


Zur Person

Fredi Bobic wurde am 30. Oktober 1971 in Maribor, im damaligen Jugoslawien geboren. Er selbst ist in  Stuttgart-Bad Cannstatt groß geworden, da seine Eltern kurz nach seiner Geburt dorthin auswanderten. Auf seiner Webseite heißt es, „Er ist ein weltoffener Schwabe durch und durch und Reisender in Sachen Profifußball“. Denn in der Tat, das Leben dieses erstklassigen Stürmers dreht sich stets um die Lederkugel. Während seiner Laufbahn spielte er für Vereine wie VfB Stuttgart, Borussia Dortmund, Hannover 96 und Hertha BSC. Er wurde  dabei DFB Pokalsieger, Europapokal-Finalist sowie Bundesliga Torschützenkönig. Das Trikot der Nationalmannschaft konnte er 37 anziehen, wobei er 10 Tore erzielte. Sein größter Erfolg war der Europameistertitel im 1996.

Quelle: DFB

Er betätigte sich auch als Fußballexperte für den österreichischen Privatsender ATV, Premiere sowie für die EuroLeague bei Sport1.

Nach dem Karriereende wechselte er ins Management. Bekleidete Posten, wie Geschäftsführer für Sport und Marketing bei dem bulgarischen Klub Tschernomoretz Burgas, Sportdirektor sowie „Vorstand Sport“ des VfB Stuttgart.

Gesellschaftlich betätigt er sich auch, ist zum Beispiel „Botschafter der Feuerwehren“, Laureus Botschafter und Schirmherr des Straßenfußballprojektes KICKFORMORE.


Die Photographin war Birtukan Aman Hussien

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